Antworten zu interessanten Fragen

Die Fragen auf einen Blick

  1. Was ist der Sinn des Lebens?
  2. Gibt es die Wirklichkeit?
  3. Gibt es den freien Willen?
  4. Was ist Zeit?
  5. Kann man beweisen, dass es Gott gibt?
  6. Wenn es Gott gibt – warum lässt er Leiden zu?
  7. Was ist Gerechtigkeit?
  8. Gibt es ein Ende der Geschichte?
  9. Gibt es eine Formel, die alles erklärt?
  10. Was ist das Bewusstsein?

1. Was ist der Sinn des Lebens?

So lautet die vielleicht grösste aller Fragen des Lebens. Im Grunde geben alle Philosophen ihre eigene Antwort – ausser einem. Der französische Existenzialist Albert Camus hat eigentlich keine. Schlimmer noch, er gibt zwar eine Antwort, aber eine ziemlich deprimierende: Es gibt keinen Sinn des Lebens. Das Leben ist absurd.

In diesem Zustand des Absurden muss man leben.

Albert Camus (1913-1960)

Anders als Camus sahen die meisten Denker aber sehr wohl einen Sinn in der Entwicklung der Welt und damit auch in der Selbstverwirklichung des Individuums. Bereits in der Antike empfiehlt uns der griechische Philosoph Platon, das innere Auge auf die göttliche Idee des Guten zu richten. Durch die lebenslange Höherentwicklung der Seele können wir es schaffen, die zeitlosen Ideen des Guten, der Gerechtigkeit und der Schönheit zu erblicken und entsprechend zu handeln:

«Denn wer rechtschaffen und gut ist, der, behaupte ich, ist glückselig, sei es Mann oder Frau; wer aber ungerecht und böse ist, ist elend.»

Platon ( 428/427 v. Chr. bis 348/347 v. Chr)

Aber bereits kurz nach Platons Tod gab es Gegenkonzepte zum Sinn des Lebens, zum Beispiel von seinem Landsmann Epikur. Er empfiehlt uns anstelle der von Platon geforderten höchsten Sittlichkeit ein eher lustvolles Leben anzustreben:

«Die Lust ist Ursprung und Ziel des glückseligen Lebens. Denn sie haben wir als erstes und angeborenes Gut erkannt, und von ihr aus beginnen wir mit jedem Wählen und Meiden, indem wir ein jedes Gut beurteilen.»

Epikur (um 341 v. Chr. bis 271 oder 270 v. Chr.)

Immanuel Kant, der strenge deutsche Moralphilosoph aus der Epoche der Aufklärung, lehnt Epikurs Lustprinzip als Lebensorientierung ab. Wer den Sinn seines Lebens nur darin sieht, Unlust zu vermeiden und seine Lust zu optimieren, läuft Gefahr, dies auf Kosten anderer zu tun:

«Ein Prinzip, das sich nur auf die subjektive Bedingung der Empfänglichkeit einer Lust oder Unlust gründet, kann niemals ein praktisches Gesetz abgeben.»

Immanuel Kant (1724 bis 1804)

Deshalb empfiehlt uns Kant als einzig tragfähiges und für alle sinnvolles Prinzip seinen berühmten Kategorischen Imperativ:

«Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.»

Immanuel Kant (1724 bis 1804)

Ganz ähnlich wie Kant sieht auch der grosse fernöstliche Denker Konfuzius den Sinn unseres Lebens darin, das «Ren» zu verwirklichen, also unsere «Menschlichkeit». 

«Das ist gegenseitige Rücksichtnahme. Das Leben an einem Ort ist erst dann schön, wenn die Menschen ein gutes Verhältnis zueinander haben.»

Konfuzius (551 v. Chr. bis 479 v. Chr.)

Sogar bei dem grossen deutschen Materialisten Karl Marx findet sich dieser soziale Gedanke von Kant und Konfuzius im Hinblick auf den Sinn des Lebens. Bereits als siebzehnjähriger Schüler schreibt der junge Marx in seiner Abiturarbeit:

«Die Hauptlenkerin aber, die uns leiten muss, ist das Wohl der Menschheit, unsere eigene Vollendung. Man wähne nicht, diese beiden Interessen könnten sich feindlich bekämpfen, sondern die Natur des Menschen ist so eingerichtet, dass er seine Vervollkommnung nur erreichen kann, wenn er für die Vollendung, für das Wohl seiner Mitwelt wirkt.»

Karl Marx (1818 bis 1883)

Wer seine Talente nur für sich einsetzt, so Marx, verfehlt den Sinn des Lebens:

«Wenn er nur für sich selbst schafft, kann er wohl ein berühmter Gelehrter, ein grosser Weiser, ein ausgezeichneter Dichter, aber nie ein vollendeter, wahrhaft grosser Mensch sein.»

Karl Marx (1818 bis 1883)

Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird von den Philosophen also unterschiedlich beantwortet. Für Camus gibt es keinen, für Platon ist es die Verwirklichung der spirituell göttlichen Idee des Guten, Wahren und Schönen, für Epikur die Umsetzung eines bescheidenen, aber stets genussvollen Lebens, für Kant die Befolgung des Kategorischen Imperatives als dem obersten Sittengesetz, für Konfuzius die gelebte Menschlichkeit und für Marx der Kampf um eine gerechte Gesellschaft.

Aber alle diese Philosophen haben hinsichtlich der Sinnfrage letztlich doch eine grosse Gemeinsamkeit: Wir müssen trotz vieler Rückschläge versuchen, aus der Welt einen besseren Ort zu machen. Dies können wir immer nur gemeinsam mit anderen tun. Denn niemand kann seine eigene Sonne sein.

Walther Ziegler

Ziegler ist promovierter Philosoph und Hochschullehrer. Als Auslandskorrespondent, Reporter und Nachrichtenchef des Fernsehsenders ProSieben produzierte er Filme auf allen Kontinenten.

Seine erfolgreiche Buchreihe «Grosse Denker in 60 Minuten» ist  bei verschiedenen Verlagen in englischer, französischer und vietnamesischer Sprache erschienen und wird derzeit ins Chinesische und Koreanische übersetzt. Als langjährigem Journalisten gelingt es ihm, das komplexe Wissen der grossen Philosophen spannend und verständlich rüberzubringen. «Grosse Denker in 60 Minuten» gibt es übrigens auch als Video-Vorlesungen auf Youtube.

2. Gibt es die Wirklichkeit?

Im Alltag glauben wir alle recht genau zu wissen, was Realität ist und was nur blosse Phantasie. Doch ganz so einfach ist es nicht. In vielen Fällen ist das, was wir sehen, nicht die Realität, sondern nur eine Sinnestäuschung. Eine Kirchturmspitze, die in der Mittagssonne golden glitzert, muss noch lange nicht aus Gold sein und kann bereits im Abendlicht rötlich leuchten. Zusätzlich weist uns der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer darauf hin, dass verschiedene Individuen oft ganz verschiedene Vorstellungen von der Realität haben:

Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer andern Welt. Weil nämlich alles, was für den Menschen da ist, immer nur in seinem Bewusstsein da ist.

Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860)

Wenn sich beispielsweise ein Liebespaar unter einem Baum küsst, ein Biologe in der Baumkrone einen Specht beobachtet oder ein Holzfäller den Baum fällen muss, sehen sie alle denselben Baum und doch nehmen sie ihn in ihrer Vorstellung sehr unterschiedlich wahr. Schopenhauer sagt deshalb in seinem berühmten Werk «Die Welt als Wille und Vorstellung», dass letztlich keiner von uns die Welt so sieht, wie sie wirklich ist, denn:

«Die einzige Welt, welche jeder wirklich kennt, und von der er weiss, trägt er in sich, als seine Vorstellung.»

Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860)

Aber, so könnte man einwenden, zur Feststellung der objektiven «Realität» haben wir ja schliesslich die Wissenschaft. Der österreichische Philosoph Karl Popper zeigt uns jedoch, dass selbst die moderne Naturwissenschaft die Realität nicht abbildet, sondern nur Theorien aufstellt, um sie zu beschreiben.

Und diese Theorien verändern sich ständig. Sogar Newtons Mechanik, die man für endgültig hielt, wurde von Einsteins Relativitätstheorie abgelöst, die aber auch wieder nur solange gilt, bis ein noch besseres Erklärungsmodell gefunden wird. Deshalb sagt Popper:

«Die Wissenschaft ist etwas Wunderbares. Trotzdem wissen wir nichts. Der wissenschaftliche Fortschritt besteht darin, Irrtümer zu finden und durch etwas Besseres zu ersetzen: Durch eine bessere Hypothese.»

 

Karl Popper (1902 bis 1994)

Die spannende Frage nach der Realität und nach dem, was wir mit Sicherheit als Wirklichkeit erkennen können und was nicht, wird uns also noch länger beschäftigen – womöglich sogar solange, wie es Menschen auf der Welt gibt.



3. Gibt es den freien Willen

Ja, sagt der französische Existenzialist Jean-Paul Sartre. Und nicht nur das. Kein einziger Mensch könne ohne den freien Willen leben, denn dieser ist kein Geschenk und auch keine Gabe, die wir annehmen oder verweigern können, sondern eine unüberlistbare Bürde:

Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein.

Jean-Paul Sartre (1905 bis 1980)

Es gehört zu unserer Natur, das eigene Leben planen und gestalten zu müssen. In jeder Sekunde unseres Lebens sind wir dazu verurteilt, aus unserer Freiheit heraus, grosse und kleine Entscheidungen zu treffen:

«Dem Mensch bleibt nichts anderes übrig als zu wählen: Entweder bleibt er keusch, oder er heiratet, ohne Kinder zu bekommen, oder er heiratet und hat Kinder; was er auch tut, es ist ihm in jedem Fall unmöglich, nicht die totale Verantwortung angesichts dieses Problems zu übernehmen. Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht. Das ist das erste Prinzip des Existentialismus.»

Jean-Paul Sartre (1905 bis 1980)

Doch Sartres Konzept des freien Willens wurde und wird in der Philosophie oft als zu idealistisch kritisiert. So hatte Marx bereits hundert Jahre zuvor darauf hingewiesen, dass es den Menschen als absolut freies Individuum in seiner Lebenswelt nicht gibt, denn:

«Der Mensch ist ein Gattungswesen.»

Karl Marx (1818 bis 1883)

Bereits von Kindheit an wächst der Mensch innerhalb seiner Gattung auf, die ganz bestimmte Regeln, Moralvorstellungen, Gesetze und Bräuche hat. Nach der marxistischen Basis-Überbau-Theorie ist die materielle Basis entscheidend für das, was der einzelne Mensch glaubt und denkt.

Beispielsweise produzierten Raubbeute-Völker wie die Wikinger den Grossteil ihres Lebensunterhaltes mit Überfällen. Sie verehrten folgerichtig einen mutigen und aggressiven Kriegsgott wie Odin als oberste Gottheit, während landwirtschaftlich produzierende Völker eher dazu tendieren, Erntedankfeste zu feiern und einen Wettergott zu verehren. Auch unsere modernen Gesellschaften prägen mit der Art ihrer Produktion und den dabei zugewiesenen Rollen des Arbeiters, Bauern, Beamten, Angestellten, Forschers, Unternehmers oder Kapitalisten das Wesen des Individuums: 

«In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion. Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein.»

Karl Marx (1818 bis 1883)

Der sozial-philosophische Impuls, den Marx uns gegeben hat, wird bis heute von der modernen Milieutheorie vertreten. Und doch sind wir mehr als unsere Gene und unsere Erziehung. Auch wenn beispielsweise ein Richter einem Straftäter wegen seines Milieus «mildernde Umstände» zugesteht, bleibt doch die grundsätzliche Annahme des freien Willens im Sinne von Sartre bestehen.

Ohne die Annahme der Entscheidungsfreiheit gäbe es keine «Schwere der Schuld», keine «Reue» und keine «Resozialisierung». Gesellschaftliches Zusammenleben und Demokratie können überhaupt nur funktionieren, wenn vorausgesetzt wird, dass alle ihre Mitglieder trotz ihrer Herkunft und gesellschaftlichen Prägung im wesentlichen frei sind.

4. Was ist Zeit?

Die Antwort auf diese Frage scheint auf den ersten Blick wieder sehr einfach zu sein. Wenn wir beispielsweise auf unser Handy schauen, sehen wir vielleicht, dass es gerade 12 Uhr mittags ist. Wenn wir später wieder darauf schauen, ist es vielleicht schon 15 oder 17 Uhr. Die Zeit, so weiss jeder, vergeht sekündlich, minütlich, stündlich und täglich.

An Silvester wird uns dann bewusst, dass wieder ein ganzes Jahr vorbei ist. Die Zeit ist also nichts anderes, als ein fortwährender – in Uhrzeit und Datum messbarer – Ablauf. Wörter wie Aufstehzeit, Brotzeit, Mahlzeit, Schlafenszeit, Jahreszeit beschreiben nur einige Intervalle innerhalb dieses unaufhaltsamen Ablaufs.

In der Wirtschaft werden solche Zeitintervalle, etwa in Form anfallender Arbeits-, Herstellungs- oder Lieferzeit sogar als Wertgegenstände oder Wertfaktoren betrachtet und berechnet. Jeder kennt den Satz: «Zeit ist Geld». Eine Ware wird in der Regel umso teurer verkauft, je mehr Zeit sie für ihre Herstellung in Anspruch nimmt. Erheblich schwieriger als die Zeit=Geld-Formel in der Ökonomie, ist es, die Zeit als physikalische Grösse zu verstehen. Gemäss Einsteins Relativitätstheorie ist die Zeit die sogenannte vierte Dimension.

Die ersten drei Dimensionen des Raums, also die Dimension der Höhe, Breite und Tiefe kennen wir alle noch aus der Schule. Einstein bringt nun diese ersten drei Dimensionen mit der Zeit in einen untrennbaren Zusammenhang. Sie bilden zusammen die sogenannte «Raumzeit», laut Einstein eine Art Trampolin als flache elastische Ebene. Trifft eine Masse auf die Raumzeit, verformt sich diese, als würde eine Kugel das Trampolin nach unten durchbiegen. Je schwerer die Kugel, umso tiefer die Einbuchtung. Es kommt zu einer Krümmung der Raumzeit. Diese Krümmung führt zu Gravitationswellen und ist berechenbar.

Bei der grossen Sonnenfinsternis von 1919 konnte Einstein mit seinem vierdimensionalen Modell im Voraus berechnen, wie das Licht zweier weit entfernter Sterne unterwegs durch die Raumzeit gekrümmt und an welcher Stelle es von der Erde aus sichtbar werden würde. Da seine Vorausberechnungen sich entgegen der Newtonschen Mechanik bewahrheiteten, war bewiesen, dass Raum und Zeit physikalisch in einer Relation stehen. Doch innerhalb eines so kleinen Kosmos wie der Erde spielt die Raumzeit zu einem bestimmten definierten Zeitpunkt keine Rolle. Für uns gilt, so Einstein wörtlich: «Zeit ist das, was man an der Uhr abliest.»

Philosophen bringen noch zwei zusätzliche Momente ins Spiel. So hat Immanuel Kant entdeckt, dass die Zeit genau wie der Raum eine, wie er sagt, «apriorische Anschauungsform» ist. Diese gibt es gemäss Kant bereits vor der ersten räumlichen und zeitlichen Wahrnehmung eines Gegenstandes. Sie sind schon in uns angelegt. Sobald wir morgens erwachen und die Augen öffnen, sehen, hören und riechen wir schon alles in einer raum-zeitlichen Dimension.

Das Klingeln des Weckers, das Zwitschern der Vögel, das vorbeifahrende Tram, die Geräusche aus der Küche, der Duft nach Kaffee werden ohne unser Zutun automatisch in eine chronologische Reihenfolge gebracht. Unser Denkapparat stülpt blitzschnell ein raum-zeitliches Raster über alle Sinneseindrücke und dieses Raster haben wir bereits in unserem Kopf:

Die Zeit ist eine notwendige Vorstellung, die allen Anschauungen zu Grunde liegt.

Immanuel Kant (1724 bis 1804)

Die Zeitwahrnehmung ist also ein Helfer, den wir zur Bewältigung des Alltags benötigen – den wir andererseits aber auch niemals abschütteln können. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger hat diesen zweiten Aspekt näher untersucht.

Der Mensch, so Heidegger, erlebt das Phänomen der Zeit keineswegs nur abstrakt als Messeinheit, sondern ganz konkret als persönliche Lebenswirklichkeit und oftmals sogar als fundamentale Bedrohung. Unsere Zeit, so Heidegger, ist endlich und wir alle leben, ob wir es wollen oder nicht, Tag für Tag auf den Zeitpunkt hin, an dem sie final zum Stillstand kommt. Menschliches Dasein ist, so Heidegger, ein «Sein zum Tode»:

«Als geworfenes In-der-Welt-sein ist das Dasein je schon seinem Tode überantwortet. Seiend zu seinem Tode, stirbt es faktisch und zwar ständig.»

Martin Heidegger (1889 bis 1976)

Das klingt zunächst einmal beunruhigend. Wohl deshalb, so Heidegger, verdrängen oder verschieben wir diesen Zeitpunkt unseres Ablebens in Gedanken so gut wie es irgendwie geht: 

«Man sagt: der Tod kommt gewiss, aber vorläufig noch nicht. Mit diesem ‹aber› spricht das Man dem Tod die Gewissheit ab. Dieser wird hinausgeschoben auf ein ‹später einmal› und zwar unter Berufung auf das sogenannte ‹allgemeine Ermessen›.»

Martin Heidegger (1889 bis 1976)

Nach allgemeinem Ermessen liegt die Lebenserwartung der Männer in Europa schon bei weit über 70 Jahren und die der Frauen sogar bei über 80 und bis dahin – so denken sich viele – ist es ja noch lange hin. «Man» hat ja das ganze Leben noch vor sich, «man» ernährt sich gesund und macht Sport. Und selbst ältere Menschen blenden den Tod gerne aus. «Man» ist ja noch rüstig, gehört noch nicht zum alten Eisen:

«Das Man lässt den Mut zur Angst vor dem Tod nicht aufkommen.»

 

Martin Heidegger (1889 bis 1976)

Heidegger rät uns, dieses anonyme «Man» aufzugeben, das Gegenteil zu tun und uns den Tod sogar schon im Jugendalter bewusst vor Augen zu führen. Am besten sollten wir sogar innerlich zu diesem Endpunkt vorauslaufen, um dann zurückzukehren und die uns verbleibende Zeit existenziell entschlossen zu gestalten:

«Das Vorlaufen zwingt das vorlaufende Seiende in die Möglichkeit, sein eigenstes Sein von ihm selbst her aus ihm selbst zu übernehmen.»

Martin Heidegger (1889 bis 1976)

Im «Vorlaufen auf den Tod» werden wir uns der Tatsache der Begrenztheit all unserer Möglichkeiten bewusst. Wir merken, dass wir unsere Wünsche, Pläne und Visionen innerhalb unseres Daseins so wählen müssen, dass sie nicht zu gross und nicht zu klein sind. Wer seine Endlichkeit ausblendet, und sich als «ewig jung» und «unsterblich» entwirft, nimmt sich unter Umständen in seinem Lebensentwurf zu viel vor und leidet dann unter der Nichterfüllung seiner Visionen. Er zieht entweder im Alter eine ernüchternde Bilanz oder führt bis zum Ende ein gehetztes und rastloses Leben, dem jede innere Befriedigung versagt bleibt.

Umgekehrt kann man sich aber auch zu wenig vornehmen, sich unterfordern und das Gefühl bekommen, nichts zu leisten und sein Leben zu verplempern. Die Begrenztheit unserer Lebenszeit hat auch etwas Positives, denn erst die Tatsache, dass unsere Zeit auf Erden begrenzt ist, verleiht jedem Augenblick und jeder Begegnung ihren besonderen Wert.

Würden wir ewig leben, liesse sich alles Versäumte beliebig oft nachholen und wiederholen. So aber entscheiden wir in jeder Sekunde, wie und mit wem wir den Tag verbringen, was wir für uns und andere ins Werk setzen wollen. Ob Beamter, Künstler, Soldat oder Revolutionär, es ist jeweils unsere Entscheidung, wer wir in der begrenzten Zeit unseres Lebens sind und sein wollen. Aus Sicht der Existenzialisten sollte jeder von uns seine Zeit entschlossen nutzen und zu sich selbst sagen: Bevor ich war, bin ich!



5. Kann man beweisen, dass es Gott gibt?

Der älteste Gottesbeweis ist das sogenannte «Wunder», also ein aussergewöhnliches Ereignis, das mit menschlichen Möglichkeiten nicht mehr erklärt werden kann und deshalb Gott zugeschrieben werden muss. Jesus hat beispielsweise Gelähmte gehend, Blinde sehend gemacht und Tote wieder zum Leben erweckt, was er ohne Hilfe einer höheren Macht niemals hätte bewirken können. Bis heute werden Wunder im Vatikan als Beweis für die Existenz Gottes gemeldet, medizinisch und physikalisch von Experten untersucht und gegebenenfalls anerkannt.

Der französische Philosoph René Descartes wollte Gott erstmals rational, also mit logischen Argumenten beweisen: Es müsse ihn logischerweise aus zwei Gründen geben. Zum einen wegen des Kausalgesetzes in der Naturwissenschaft. Gemäss diesem hat jede Bewegung eine Ursache.

Beispielsweise wird ein Waldbrand durch einen ursprünglichen Brandherd verursacht, dieser Brandherd wiederum durch einen Blitzschlag, der Blitzschlag durch eine elektrische Entladung in der Wolke, die elektrische Entladung in der Wolke durch die Überhöhung der Spannung zwischen positiv und negativ geladenen Regentropfen, die Überhöhung der Spannung in den Regentropfen durch wolkenphysikalische Prozesse, diese wiederum durch die meteorologische Wetterentwicklung seit der Erdentstehung, die Erdentstehung durch den Urknall, der Urknall durch eine zu hohe, gegen unendlich gehende Massekonzentration usw.

Wenn aber, so fragt Descartes, wirklich jede Bewegung eine Ursache hat, die selbst auch wieder eine Ursache hat, muss es doch logischerweise irgendwann eine allererste Ursache gegeben haben, die alles in Gang gesetzt hat. Wer oder was hat aber in der unendlich langen Kette von Ursachen und Wirkungen den Anfang gemacht?

Es müsste, so Descartes, eine Ursache von der Art sein, die selbst keiner Ursache mehr bedurfte oder anders formuliert: Wer ist der unbewegte Beweger? Descartes zieht die Schlussfolgerung, dass dies nur Gott gewesen sein kann. Wir wissen nämlich, so Descartes, dass alle Wesen, die einen Körper haben, den physikalischen Gesetzen der Bewegung und somit des Bewegtwerdens unterliegen. Das bedeutet, der erste und unbewegte Beweger muss logischerweise «unkörperlich» sein und somit «nicht von dieser Welt»:

Was nun die allgemeine Ursache anbelangt, so erscheint es mir als offensichtlich, dass sie nichts anderes ist als Gott selbst, der die Materie zugleich mit der Bewegung am Anfang erschaffen hat.

René Descartes (1596 bis 1650)

Der zweite Gottesbeweis von Descartes hat ebenfalls mit dem Ursache-Wirkungszusammenhang zu tun. Was ist die Ursache dafür, dass wir eine Idee von Gott haben? Woher kommt der Gedanke eines allmächtigen, unsterblichen und gütigen Wesens? Diese Idee, so Descartes, kann nicht von uns selbst stammen, da wir Menschen weder allmächtig und ewig, noch unendlich liebend und gütig sind. Also muss sie uns von aussen, eben von Gott selbst, eingegeben worden sein. 

«Weil wir jene höchsten Vollkommenheiten, deren Idee wir besitzen, in uns selbst aber in keiner Weise antreffen, folgern wir daraus zu Recht, dass sie in etwas anderem, von uns Verschiedenen, nämlich in Gott vorhanden sind.»

René Descartes (1596 bis 1650)

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant lässt diese Gottesbeweise von Descartes nicht mehr gelten. In seinem berühmten Hauptwerk «Die Kritik der reinen Vernunft» stellt er fest, dass wir Menschen generell nur das mit Sicherheit erkennen und beweisen können, was wir einerseits, wie es Descartes macht, mit der Kausalität und den anderen Kategorien der Vernunft logisch erklären können, andererseits aber zugleich auch mit unseren fünf Sinnen als Anschauung wahrnehmen und empirisch in Experimenten überprüfen können.

Und das hat Descartes nicht getan, beziehungsweise konnte es nicht tun. Denn Gott hat keine Anschauung. Es gibt zwar das Wort «Gott», aber niemand hat ihn je zuvor gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt oder ertastet. Deshalb ist Gott zunächst nur ein abstrakter Gedanke ohne konkreten Inhalt:

«Gedanken ohne Inhalt sind leer.»

Immanuel Kant (1724 bis 1804)

Kann man Gott beweisen? Nein – man kann es nicht. Es gibt erkenntnistheoretisch kein gesichertes Wissen von der Existenz Gottes, aber das schliesst den Glauben an ihn natürlich nicht aus. Kant selbst hat dies unter dem Druck der Kirche noch einmal klargestellt:

«Ich musste das Wissen aufheben, um für den Glauben Platz zu bekommen.»

Immanuel Kant (1724 bis 1804)



6. Wenn es Gott gibt – warum lässt er Leiden zu?

Diese Frage wurde bereits in der Antike diskutiert. Damals hiess der oberste und allmächtige Gott in Griechenland noch Zeus und bei den Römern Jupiter. Ähnlich wie später dem christlichen Gott wurden Zeus Allmacht und Güte zugeschrieben. Und schon damals stellte sich die grosse Frage, ob Gott als allmächtiger Schöpfer nicht auch für die Übel der von ihm geschaffenen Welt selbst verantwortlich ist. Falls ja, ergibt sich das Problem, wie dies mit seiner Güte vereinbar ist. Der antike Philosoph Epikur thematisierte das Problem mit einem Ausschlussverfahren:

Entweder will Gott die Übel aufheben und kann nicht oder er kann und will nicht oder er will nicht und kann nicht oder er will und kann.

Epikur (um 341 v. Chr. bis 271 oder 270 v. Chr.)

Bei jeder der vier Möglichkeiten ergibt sich, so Epikur, ein Widerspruch zu einer seiner Eigenschaften:

«Wenn er will und nicht kann, ist er schwach, und das trifft auf Gott nicht zu. Wenn er kann und nicht will, ist er neidisch, und das ist ebenso unvereinbar mit Gott. Wenn er nicht kann und nicht will, ist er neidisch und schwach und dementsprechend auch kein Gott. Wenn er aber will und kann, wie das allein angemessen für Gott ist – wo kommen dann die Übel her, und warum hebt er sie nicht auf?»

Epikur (um 341 v. Chr. bis 271 oder 270 v. Chr.)

Diese Frage, warum der allmächtige und gütige Gott die Übel auf der Welt zulässt, wird bis heute als sogenanntes «Theodizee»-Problem diskutiert. Als Theodizee bezeichnet man, abgeleitet vom griechischen Wortstamm theós = Gott und dike = Gerechtigkeit/Rechtfertigung, den Versuch, Gott zu rechtfertigen, hinsichtlich des von ihm als Schöpfer verursachten oder zugelassenen Übels. Den letzten grossen Versuch einer solchen Theodizee unternahm der deutsche Philosoph Leibniz in seiner berühmten Theorie von der «besten aller möglichen Welten».

Gott hätte zwar, so Leibniz, tatsächlich die Welt mit Krankheiten, Tod, Schmerz, Naturkatastrophen und sogar der Möglichkeit moralischer Verfehlung ausgestattet, doch sei dies immer noch die beste aller möglichen Welten gewesen, die er jemals hätte erschaffen können. Denn ohne Krankheit würden wir die Gesundheit nicht schätzen, ohne Krieg nicht den Frieden und ohne das Böse nicht das Gute. Nur weil Gott auch das Böse erschaffen hat und uns die Freiheit der Entscheidung gegeben hat, sind wir in der Lage, uns für das Gute zu entscheiden. Das Leben mit seinen Leiden ist letztlich eine grosse Aufgabe und Prüfung, die wir als Menschen bestehen müssen.

Der Philosoph Schopenhauer kritisiert Leibniz als den «Begründer des systemischen Optimismus». Von der besten aller möglichen Welten und einem Meisterwerk Gottes zu sprechen, sei angesichts der realen Welt eine schreiende Absurdität:

«Und dieser Welt, diesem Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehn, dass eines das andere verzehrt, wo daher jedes reissende Thier das lebendige Grab tausend anderer ist, wo sodann mit der Erkenntnis die Fähigkeit Schmerz zu empfinden wächst, welche daher im Menschen ihren höchsten Grad erreicht – dieser Welt hat man das System des Optimismus  anpassen und sie uns als die beste unter den möglichen andemonstriren wollen. Die Absurdität ist schreiend.»

Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860)

Ein allmächtiger, liebender Gott könne, so Schopenhauer nicht zugleich der Verursacher des Leides sein. Wenn er wirklich, wie Leibniz sagt, das Leiden erschaffen hat, müsse er dafür auch die Verantwortung übernehmen. Am besten gefällt Schopenhauer daher der hinduistische Schöpfungsmythos:

«Brahma bringt durch eine Art Sündenfall, oder Verirrung, die Welt hervor, bleibt aber dafür selbst darin, es abzubüssen, bis er sich daraus erlöst hat. – Sehr gut!»

Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860)

Im Gegensatz dazu missfällt Schopenhauer der Schöpfungsmythos des Alten Testaments:

«Aber so ein Gott, der diese Welt der Not und des Jammers hervorbringt, und dann noch gar sich selber Beifall klatscht, mit Alles war sehr gut: I. Mose, I, 31 – Das ist nicht zu ertragen.»

Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860)

Trotz Schopenhauers harter Kritik an Leibniz und trotz der Tatsache, dass die Existenz Gottes nicht beweisbar ist, spricht einiges dafür, die Übel der Welt als Herausforderung zu sehen, der wir uns stellen müssen. Ganz unabhängig davon, ob wir gläubige Menschen sind oder nicht, ob Gott das Leiden erschaffen hat oder nicht, bleibt uns letztlich nicht viel anderes übrig, als die Freuden des Lebens zu geniessen, uns mit den Zumutungen des Lebens auseinanderzusetzen und – wo immer dies möglich ist – an ihrer Aufhebung zu arbeiten.

7. Was ist Gerechtigkeit?

Was Gerechtigkeit eigentlich ist, mag auf den ersten Blick schnell beantwortet sein. Wir haben die Juristen, die Gerichte, Parteien und Politiker. Juristen und Richter halten sich an das, was in den Gesetzbüchern als gerecht definiert ist und woran sich alle halten müssen. Aber Gesetze können auch ungerecht sein, wie beispielsweise die Rassengesetze im Nationalsozialismus oder auch Gesetze zur Errichtung einer Diktatur.

Was aber ist wirkliche Gerechtigkeit jenseits guter oder schlechter Gesetze? Und – kann man Gerechtigkeit überhaupt objektiv definieren, wenn doch jeder von uns dazu tendiert, genau das für gerecht zu halten, was uns selbst gerade am meisten nutzt?

Wissenschaftliche Studien bestätigen, dass bei Wahlentscheidungen die Erwartung eines persönlichen wirtschaftlichen Nutzens die mit Abstand grösste Rolle spielt. Arme wollen mehr vom Kuchen, Reiche ihre grossen Stücke behalten. Gerechtigkeit, so scheint es, hängt also immer vom Geldbeutel und der subjektiven Perspektive ab. Deshalb, so wird oftmals behauptet, kann es objektive Gerechtigkeit gar nicht geben. Oder vielleicht doch?

1978 kommt es bezüglich Gerechtigkeit zu einem Urknall. Dem amerikanischen Philosophen John Raws gelingt es erstmals, Gerechtigkeit vollkommen objektiv zu definieren. Sein Buch «Eine Theorie der Gerechtigkeit» geht wie ein Lauffeuer um die ganze Welt und wird in fast alle Sprachen übersetzt. Rawls entdeckt einen phantastischen und zugleich subtilen Trick, mit dessen Hilfe es möglich ist, objektive Gerechtigkeit jenseits subjektiver Interessen herzustellen.

Dieser Trick ist sein berühmter «Schleier des Nichtwissens». Eine vollkommen gerechte Gesellschaft, so Rawls, kann man nur dann erzeugen, wenn sich die einzelnen Bürger, die über künftige gerechte Prinzipien und Gesetze abstimmen, während der Abstimmung unter einer Art Erinnerungs-Schleier befinden und wie in einer Amnesie völlig vergessen, wer sie gerade sind und künftig sein werden:

Vor allem kennt niemand seinen Platz in der Gesellschaft, seine Klasse oder seinen Status; ebensowenig seine natürlichen Gaben, seine Intelligenz, Körperkraft usw. Die Menschen wissen auch nicht, zu welcher Generation sie gehören.

John Rawls (1921 bis 2002)

Wenn man nämlich, so Rawls, die Menschen bei der Wahl unter dem «Schleier des Nichtwissens» abstimmen lässt und sie keine Ahnung davon haben, wer sie im Augenblick und in der künftigen Gesellschaft sind, also ob sie reich, arm, hochqualifiziert, ungebildet, weiss, schwarz, jung, alt, sportlich, schwerfällig, hochbegabt oder untalentiert sind, dann würden sie sich auch vollkommen objektiv für eine möglichst gerechte Gesellschaft mit optimalen Gesetzen im Sinne aller Beteiligten entscheiden:

«Beispielsweise würde niemand darauf drängen, dass man besondere Vorrechte denen geben soll, die genau 180 cm gross sind. Auch würde niemand den Grundsatz vorschlagen, die Grundrechte sollten von der Hautfarbe abhängen. Niemand weiss nämlich, ob solche Vorschläge zu seinem Vorteil ausschlagen würden.»

John Rawls (1921 bis 2002)

Denn der Schleier des Nichtwissens zwinge jeden, das Wohl der anderen in Betracht zu ziehen. Die Menschen würden sich folglich für ein Gesellschaftsmodell entscheiden, das zwar Unterschiede in Fleiss, Engagement, Einkommen und Vermögen erlaubt, diese Ungleichheiten aber zugleich in ihrer Ausdehnung begrenzt:

«Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen folgendermassen beschaffen sein: (a) Sie müssen den am wenigsten Begünstigten den grösstmöglichen Vorteil bringen, und sie müssen mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen gemäss fairer Chancengleichheit offenstehen.»

John Rawls (1921 bis 2002)

Wie folgenreich dieser Grundsatz der gerechten Gesellschaft ist, merkt man erst, wenn man unsere gegenwärtige Situation betrachtet. Im Augenblick gibt es nämlich in den westlichen Gesellschaften exponentiell wachsende Ungleichheiten an Einkommen und Vermögen, ohne dass diese, wie in Rawls gerechtem Gesellschaftsmodell vorgesehen, «den am wenigsten Begünstigten den grösstmöglichen Vorteil bringen».

Die Schere zwischen Arm und Reich ist nach Rawls schlichtweg ungerecht. Im Grunde müsste jeder Unternehmer, jeder Manager oder jeder Spitzenverdiener den Nachweis erbringen, dass sein höheres Gehalt damit gerechtfertigt ist, dass er durch seine Leistung auch die Lebensqualität der Mitarbeiter und der am wenigsten Begünstigten mit anhebt.

Was ist eigentlich Gerechtigkeit? Unsere Entscheidungen und Handlungen sind gemäss John Rawls generell nur dann gerecht, wenn es uns gelingt, unser Eigeninteresse für kurze Zeit auszublenden und so zu entscheiden, als wüssten wir nicht, wer wir künftig sind. Wir sollten uns selbst unter den Schleier des Nichtwissens begeben. Wir suchen dann automatisch nach einem objektiv gerechten Weg, der für alle annehmbar ist, auch und gerade für die am wenigsten Begünstigten.

Wenn beispielsweise die Entscheidung ansteht, ob der Mindestlohn für Coiffeure angehoben und damit der Haarschnitt teurer werden soll, dann sollten wir uns im Augenblick unserer Entscheidung nicht nur als Kunden, sondern auch als Coiffeure fühlen, um zu einer objektiv fairen Lösung zu kommen. Zweifellos hat Rawls mit seiner «Theorie der Gerechtigkeit» einen bedeutenden Meilenstein auf dem Weg zu einer gerechten Gesellschaft gesetzt. Und – seine philosophische Kritik an der auseinander klaffenden Vermögensverteilung ist aktueller denn je.

 

8. Gibt es ein Ende der Geschichte?

Über die richtige Antwort wird in der Geschichtsphilosophie seit jeher gestritten. Nur so viel in Kürze – es gibt drei verschiedene Auffassungen: Erstens, die Kreislauftheorie, wonach sich die Geschichte wiederholt und im Wesentlichen immer wieder von vorn beginnt, etwa als Wiederkehr des ewig Gleichen ohne Anfang und Ende. Zweitens, die linear aufsteigende Fortschrittstheorie, wonach die Geschichte zusammen mit technisch wissenschaftlichen Neuerungen auch auf immer höhere moralisch kulturelle Ebenen kommt und auf ein positives Endziel zusteuert.

Und drittens, die linear absteigende Entfremdungstheorie, wonach sich die Menschheit genau umgekehrt mit jedem technischen und wirtschaftlichen Fortschritt immer weiter von ihrer ursprünglichen Natur entfremdet und moralisch verkommt. Die drei Theorien besagen in Kurzform: Die Welt dreht sich im Kreis und bleibt wie sie ist, die Welt wird immer besser oder die Welt wird immer schlechter.

Die Kreislauftheorie wird erstmals vom antiken Strategen und Historiker Thukydides vertreten. Er berichtet detailliert über Motive, Ursachen und Verlauf des Peloponnesischen Krieges von 431 v. Chr. bis 404 v. Chr. zwischen Sparta und dem aufsteigenden Athen. Dabei analysiert er den Auslöser, die Ursachen, den Verlauf des Krieges und kommt zu dem Ergebnis, dass es letztlich darum ging, dass Sparta seine Vormachtstellung in Griechenland nicht an das immer mächtiger werdende Athen abgeben wollte.

Solche kriegerischen Konflikte um die politische und wirtschaftliche Vormachtstellung sind, so Thukydides, in der Geschichte kein Einzelfall, sondern werden sich aufgrund der Beschaffenheit der menschlichen Natur auch in Zukunft ereignen. Die Kreislauftheorie, wonach sich Kriege um Macht und Einfluss fortwährend wiederholen, scheint leider bis heute aktuell zu sein.

So warnt beispielsweise der Politologe Graham Allison in den 2010er Jahren vor der sogenannten «Thukydides-Falle», wonach Staaten im Kampf um den Erhalt ihres Machbereichs nach wie vor die Strategie der Spartaner verfolgen, aufsteigende Mächte gewaltsam niederzuhalten und am Ende alles zerstören. So sieht Allison unter anderem die Gefahr, dass die USA als etablierte Weltmacht, das zunehmend mächtiger werdende China bekämpfen könnten, was wiederum fatale Folgen für alle hätte. Auch der Philosoph Schopenhauer sieht in der Geschichte keinerlei Fortschritt:

«Versucht man die Gesamtheit der Menschenwelt in einem Blick zusammenzufassen, so erblickt man überall einen rastlosen Kampf, ein gewaltiges Ringen, mit Anstrengung aller Körper- und Geisteskräfte, um Leben und Dasein. Im Allgemeinen haben die Weisen aller Zeiten immer dasselbe gesagt; und die Toren, d.h. die unermessliche Majorität aller Zeiten, haben immer dasselbe, nämlich das Gegenteil getan: und so wird es denn auch ferner bleiben.»

Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860)

Stimmt also die Kreislauftheorie? Drehen wir uns tatsächlich immer nur im Kreis? Nein, sagt der berühmte deutsche Geschichtsphilosoph Hegel:

Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit – ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 bis 1881)

Es geht letztlich um die notwendige Entfaltung der Freiheit. Das wachsende Bewusstsein der Freiheit zieht sich, so Hegel, wie ein roter Faden durch die Weltgeschichte. Es hatte in den frühen orientalischen Hochkulturen seinen Ausgangspunkt:

«Die Orientalen wissen es noch nicht, dass der Geist oder der Mensch als solcher an sich frei ist; weil sie es nicht wissen, sind sie es nicht; sie wissen nur, dass Einer frei ist.»

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 bis 1881)

Bei den Orientalen war, so Hegel, nur ein einziger frei, der Herrscher, und dieser war in der Regel ein Diktator. Erst bei den Griechen keimt, so Hegel, der Wunsch nach wirklicher Freiheit auf:

«In den Griechen ist erst das Bewusstsein der Freiheit aufgegangen, und darum sind sie frei gewesen; aber sie, wie auch die Römer, wussten nur, dass einige frei sind, nicht der Mensch als solcher. Das wussten selbst Platon und Aristoteles nicht.»

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 bis 1881)

So waren in den griechischen Stadtstaaten zwar die Bürger frei und durften die Regierung wählen, doch gab es gleichzeitig eine grosse Zahl von rechtlosen Sklaven. Deshalb waren, wie Hegel sagt, nur «einige» frei. Erst die modernen nordeuropäischen Nationen kamen dann – nach jahrhundertelangen Kriegen und Kämpfen – im Christentum endlich zu dem fortschrittlichen Bewusstsein, dass …

«… die Freiheit des Geistes seine eigenste Natur ausmacht.»

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 bis 1881)

Am Ende der Geschichte, so Hegels grosse Vision, werden wir uns als Menschen weltweit gegenseitig anerkennen, als ein «wir, das ich ist und ein ich, das wir ist». Zugleich erkennen die Menschen am Ende der Geschichte, dass Gott, den sie zunächst als fremde Macht empfunden und angebetet haben, in Wirklichkeit nichts anderes ist, als das in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit sich entfaltende eigene Bewusstsein. Sie erfahren nun, dass Gott, Mensch und Geschichte nur drei verschiedene Perspektiven derselben Entwicklung sind und schon immer waren.

Marx, ein Schüler von Hegel, war ebenfalls Dialektiker, hat aber wie er selbst sagt, Hegel «vom Kopf auf die Füsse» gestellt. Nicht das jeweilige Wissen um die Entfaltung der Freiheit treibt die geschichtliche Entwicklung voran, sondern die materiellen Produktionsverhältnisse. Jede gesellschaftliche Entwicklungsstufe erzeugt eine neue unterdrückte soziale Klasse, die zu der vorherrschenden Klasse in einen ökonomischen und sozialen Widerspruch kommt:

«Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.»

Karl Marx(1818 bis 1883)

Der Konflikt zwischen den jeweils gegensätzlichen Klassen ist der Motor der Geschichte:

«Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen Kampf, der jedes Mal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete.»

Karl Marx(1818 bis 1883)

In einer langen Reihe von Klassenkämpfen treibt sich schliesslich die Geschichte auf ihr Endziel zu, auf eine kommunistische Gesellschaft, in der die Produktionsmittel allen gehören, in der es keine Klassen und somit auch keine weiteren Klassenkämpfe mehr gibt.

Deutsche Denker wie Adorno und Horkheimer, die nach dem Krieg aus Amerika in das zerstörte Europa zurückkehrten, glaubten nicht mehr an die grosse Vision einer klassenlosen Gesellschaft. Im Gegenteil – ihre Diagnose war pessimistisch. Die ganze historische Entwicklung Europas und der Menschheit sei generell kein gesellschaftlicher Fortschritt, sondern umgekehrt eine Einbahnstrasse in den Abgrund: 

«Keine Universalgeschichte führt vom Wilden zur Humanität, sehr wohl eine von der Steinschleuder zur Megabombe. Sie endet mit der totalen Drohung der organisierten Menschheit gegen die organisierten Menschen.»

Theodor W. Adorno (1903 bis 1969)

Insbesondere die Epoche der Aufklärung hatte, so Adorno, fatale Folgen:

«Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.»

Theodor W. Adorno (1903 bis 1969)

Zwar hätten Aufklärer wie Kant, Locke, Hume, Rousseau, Montesquieu das fortschrittliche Ziel verfolgt, den Menschen die Furcht zu nehmen, vor der Natur, vor wilden Tieren, vor Missernten, vor dem Aberglauben, dem Jüngsten Gericht, der Apokalypse, dem Teufel und anderen irrationalen Vorstellungen. Die Aufklärung wollte alles erhellen und das rationale Licht der Wissenschaft an die Stelle des irrationalen Glaubens setzen. Doch am Ende, so Adorno, schlug das gut gemeinte Vorhaben der Befreiung in sein Gegenteil um.

Heute haben die Bauern zwar dank der Aufklärung und dank der Wissenschaft keine Angst mehr vor dem Donnergott und bringen diesem auch keine rituellen Opfer mehr dar, um die Ernte zu schützen, aber sie haben dafür einen hohen Preis bezahlt. Die Natur wird, so Adorno, im aufgeklärten Zeitalter nicht mehr als übermächtig und bedrohlich empfunden, sondern durch hochmoderne Erntemaschinen, Fungizide, Pestizide und Massentierhaltungen komplett beherrscht und kontrolliert. Doch die die totale Kontrolle über die Natur mit ihren Monokulturen, ihrem Raubbau an fossilen Rohstoffen hat ihren Preis:

«Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie die Macht ausüben.»

Theodor W. Adorno (1903 bis 1969)

Der französische Denker Michel Foucault sieht das Ende der Geschichte ebenfalls pessimistisch. Er entwirft das heute viel diskutierte Bild des totalen Überwachungsstaates, auf das der geschichtliche Prozess unaufhaltsam zusteuert. Es gibt, so Foucault, immer neue «Dispositive». Das sind ideologisch funktionale Setzungen, die im Interesse einer bestimmten Form der Machtausübung, eherne gesellschaftliche Strukturen erzeugen, die keine Höherentwicklung mit sich bringen, sondern umgekehrt eine fatale Einschränkung der individuellen Entfaltung bis hin zur massenhaften Selbstversklavung und Beraubung unserer Freiheit.

Im Gegensatz zu vorangegangenen Epochen steht der moderne Mensch, so Foucault, von der Geburtsurkunde, über die Schulzeugnisse, die Berufsabschlüsse, Wohnsitzmeldungen, den Führerschein, Steuerzahlungen, den Impfpass, bis hin zur Sterbeurkunde unter dem ständigen, alles sehenden panoptischen Blick des Staates und seiner institutionellen Überwachung:

«Wir sind eingeschlossen in das Räderwerk der panoptischen Maschine, das wir selbst in Gang halten – jeder ein Rädchen.»

Michel Foucault (1926 bis 1984)

Und am Ende sind wir unsere eigenen Gefängnisdirektoren und überwachen uns selbst, dass wir nichts tun oder denken, was nicht den allgemeinen Dispositiven entspricht. Foucault warnt hinsichtlich unserer zukünftigen Entwicklung vor dem Untergang jeder individuellen Freiheit. Er spricht sogar vom «Ende des Menschen» bzw. der Selbstauflösung des Individuums in den Zwängen der Massengesellschaft:

«Der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.»

Michel Foucault (1926 bis 1984)

Das Ende der Geschichte wird in der Philosophie also sehr unterschiedlich gesehen. Bei Schopenhauer und Nietzsche bleibt letztlich alles, wie es ist. Bei Denkern wie Rousseau, Adorno und Foucault gibt es eine lineare Abwärts-, bei Hegel, Marx und Habermas eine lineare Aufwärtsbewegung. Letztere sehen die Chance auf eine fortwährende Entfaltung der Vernunft, die uns immer weiter verbindet und am Ende zur Weltgesellschaft führt.

Der amerikanische Philosoph und Pragmatiker William James empfiehlt uns eindringlich, auf ein gutes Ende zu setzen. Obwohl es, so James, nicht absehbar ist, ob wir jemals in der Lage sein werden, alle Probleme dieser Welt zu lösen, sollte sich dennoch jeder vernünftige Mensch so verhalten, als ob er sich dessen sicher wäre. Und wenn es dann nicht so kommen sollte, dann waren wir, so James, zumindest optimistisch. An ein gutes Ende der Geschichte zu glauben, ist inzwischen mehr als nur ein spielerischer Zweckoptimismus. Angesichts wachsender Konflikte und globaler Bedrohungen wird es zur Pflicht, hartnäckig an dem Vorsatz festhalten, aus der Welt einen besseren Ort zu machen.



9. Gibt es eine Formel, die alles erklärt?

Bereits die alten Griechen versuchten, die ungeheure Vielfalt der Welt in all ihren Erscheinungsformen und Prozessen auf ein einziges, allen physischen Erscheinungen zugrundeliegendes Prinzip zurückzuführen – auf eine Weltformel.

Der frühe Atomist Demokrit war überzeugt, dass die ganze Welt, also die Menschen, Tiere, Pflanzen, Seen, Berge, das Meer, der Himmel und alles andere, was wir wahrnehmen können, letztlich nur aus unterschiedlichen Anordnungen von kleinsten, unsichtbaren Teilchen besteht, sogenannten «Atomen», vom griechischen Wort «A-tomos», das übersetzt «nicht-teilbar» heisst. Atome sind, so Demokrit, unzerschneidbar, von grösster Härte und lassen sich nicht mehr in andere kleinere Elemente zerlegen:

Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süss oder bitter; in Wirklichkeit gibt es nur Atome und leeren Raum.

Demokrit (460 oder 459 v. Chr. bis ca. 370 v. Chr.)

Ein Teller werde in Wirklichkeit von einer Vielzahl konzentrisch angeordneter Atome gebildet, ein Pferd durch die unterschiedliche Anordnung von Atomen in Beinen, Körper und Haupt. Und das gelte letztlich auch für das ganze Universum, also etwa für die Sterne am Himmel. Die zugrundeliegende Weltformel heisst K = Atom + Atom + Atomx. Also jeder Körper besteht aus der Ansammlung einer entsprechend hohen Zahl von Atomen.

Das Modell des Atomismus als Lehre von den kleinsten Teilchen gilt im Prinzip bis heute, also bis hinein in die moderne Teilchenphysik. Die Atome selbst kann man übrigens wie in Demokrits Zeiten noch immer nicht sehen, lediglich die Elektronenhüllen, die sich um die Atomkerne wie eine Art Schale herumgruppieren.

Im Unterschied aber zu Demokrit konnten neuzeitliche Physiker wie Isaac Newton die Bewegung der Atome bis hin zur Bewegung ganzer Planeten erheblich besser beschreiben und sogar berechnen. Das Newtonsche Gravitationsgesetz aus seiner Philosophiae Naturalis Principia Mathematica von 1687 war eine Sensation und wurde als neue Weltformel gefeiert. Der Philosoph Popper schreibt begeistert:

«Das war wirkliches Wissen; Wissen, das selbst die wildesten Träume der kühnsten Geister noch übertraf. Hier war eine Theorie, die nicht nur die Bewegungen aller Sterne erklärte, sondern ebenso genau auch die Bewegung von Körpern auf der Erde wie fallenden Äpfeln, Geschossen oder Pendeluhren. Und sie erklärte sogar die Gezeiten.»

Karl Popper (1902 bis 1994)

Man glaubte, die Naturkräfte endlich ein für alle Mal entschlüsselt und die endgültige Weltformel gefunden zu haben. Doch dann kam die berühmte Sonnenfinsternis von 1919. Sie ermöglichte für kurze Zeit, zwei ansonsten verborgene und sehr weit entfernte Sterne deutlich zu sehen und zu fotografieren. Albert Einstein berechnete im Voraus, dass die beiden Sterne gemäss seiner Relativitätstheorie an einer ganz anderen Position auftauchen und zu sehen sein würden, als es gemäss dem Newtonschen Gravitationsgesetz der Fall sein müsste. Und er hatte Recht:

«Was sicher ist, ist, dass Einstein uns gezeigt hat, dass Newton korrigiert werden musste. Und die Newtonsche Theorie war in dieser Zeit die am besten geprüfte, am besten erprobte Theorie, die es je gegeben hat.»

Karl Popper (1902 bis 1994)

Wenn dies aber so ist, wenn sich ein Genie wie Newton tatsächlich geirrt hatte und sein für unfehlbar gehaltenes Wissen nach über zweihundert Jahren durch ein besseres Wissen ersetzt werden musste, dann, so dachte Popper, gibt es vielleicht generell in der Wissenschaft keine endgültigen Wahrheiten. Und er kam zu dem Schluss:

«Wir haben es auch in der sichersten, besten Wissenschaft, durchwegs mit Vermutungswissen zu tun. Nicht mit Wissen, sondern mit Vermutungswissen. Es sind wir, die die wissenschaftlichen Theorien schaffen, es sind wir, die die wissenschaftlichen Theorien kritisieren. Wir erfinden die Theorien, und wir bringen unsere Theorien um.»

Karl Popper (1902 bis 1994)

Es könne deshalb in der Wissenschaft, so Popper, generell keine Weltformel geben, sondern immer nur eine Annäherung an die Wahrheit. Auch Einsteins Relativitätstheorie gilt nur solange, bis wir ein noch besseres Erklärungsmodell gefunden haben. Die Relativitätstheorie ist ohnehin keine Weltformel, da sie nur eine Teilperspektive der Physik abdeckt und sich mit der wissenschaftlich ebenfalls anerkannten Quantenphysik nicht vereinbaren lässt.

Es gab und gibt zwar Versuche, beide Theorien in einer «Grand Unifying Theory» (GUT) oder einer «Theorie of Everything» (TOE) zusammenzuführen, wie die Weltformel in den angelsächsischen Ländern genannt wird, doch bislang ohne jeden Erfolg.  Eine Weltformel, die alles erklärt gibt es derzeit nicht. Es wird sie nach Auffassung von Physikern und Philosophen wohl auch in Zukunft nicht geben, da wir selbst in einer bis an die Ewigkeit heranreichenden Zeitspanne niemals in der Lage sein werden, die unendlich neu auftauchenden Welten und Phänomene im Voraus final zu definieren und zu berechnen.

Grundsätzlich bezieht sich der Begriff der Weltformel auf physikalisch messbare Grössen, doch stossen auch die besten gegenwärtigen Theorien bei dem Versuch, die Erkenntnisse aus den Teilbereichen der Physik zu vereinheitlichen, an ihre Grenzen. Weil wir Unendlichkeit nicht denken, verstehen und letztlich nicht berechnen können, müssen wir uns darauf beschränken, das zu erklären, was wir mit unseren besten Teleskopen und Techniken gerade noch sehen und messen können. Alles nicht Messbare, also das sogenannte «Unermessliche» bleibt im Dunklen und macht es unmöglich, die Weltformel zu finden.

Das mag auf den ersten Blick enttäuschend klingen, ist aber vielleicht auch von Vorteil. So hat uns der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt in seinem Theaterstück «Die Physiker» auf geniale Weise vor dem Augenblick gewarnt, an dem es der Menschheit gelingt, die Weltformel zu finden. Die Menschen hätten dann das Wissen, die Bewegung des gesamten Kosmos zu verstehen, zu manipulieren und gegebenenfalls zu zerstören.

Dürrenmatts fiktive Hauptperson seines Theaterstücks, der Physiker Möbius, findet tatsächlich die Weltformel. Aber statt sie zu veröffentlichen und berühmt zu werden, zieht er es vor, den Irren zu spielen und sich als Patient in der Abgeschiedenheit einer psychiatrischen Anstalt einsperren zu lassen, um die Menschheit vor dem Missbrauch seiner Entdeckung zu bewahren. Sicherheitshalber verbrennt er alle seine Aufzeichnungen.

In Dürrenmatts Theaterstück gerät die Formel am Ende aber doch noch in falsche Hände. Denn die Anstaltsleiterin hat die Weltformel, bevor sie verbrannt wurde, heimlich kopiert und will damit nun ihre Weltherrschaft errichten. In der Wirklichkeit unseres Weltentheaters sieht es glücklicherweise anders aus. Die berühmte «Büchse der Pandora» bleibt vorerst fest verschlossen.

10. Was ist das Bewusstsein?

Man kann sagen, es ist das Gegenteil von Nicht-Bewusstsein. Wenn beispielsweise jemand sein Bewusstsein verliert und ohnmächtig wird, übernimmt sein vegetatives Nervensystem die Steuerungsprozesse. Interessanterweise sacken Bewusstlose beim Sturz meist auf eine ganz bestimmte Weise in sich zusammen, die verhindert, dass sie sich schwer verletzen. Auch die unbewusste Steuerung ist also durchaus nützlich. Im Unterschied zur intuitiven Steuerung versucht das Bewusstsein mit rationalen Analysen und Urteilen die Erfolgsaussichten unserer Handlungen im Voraus zu durchdenken und zu verbessern.

Anders als die Pflanze oder das Tier ist der Mensch nicht mehr so stark in den Reiz-Reaktionsmechanismus eingebunden, sondern ein Geistwesen, ein «animal rationale», wie Aristoteles sagt und vielleicht sogar, wie Herder bemerkt, «der erste Freigelassene der Natur». Der deutsche Philosoph Nietzsche kritisiert diese optimistische Einschätzung. Denn mit dem Aufkeimen des Bewusstseins als neuem Organ, sei zugleich ein grosser Verlust einhergegangen:

Nicht anders als es den Wassertieren ergangen sein muss, als sie gezwungen wurden, entweder Landtiere zu werden oder zu Grunde zu gehen, so ging es diesen der Wildnis, dem Kriege, dem Herumschweifen, dem Abenteuer glücklich angepassten Halbtieren, – mit einem Male waren alle ihre Instinkte entwertet und «ausgehängt». Sie waren auf Denken, Schliessen, Berechnen, Kombinieren von Ursachen und Wirkungen reduziert, diese Unglücklichen, auf ihr «Bewusstsein», auf ihr ärmlichstes und fehlgreifendstes Organ!»

Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900)

Doch, so Nietzsche, die Triebe, Instinkte und Affekte, die über Jahrtausende unser Überleben sichergestellt haben, verschwinden nicht einfach mit der Machtübernahme des Bewusstseins, sondern müssen von nun an unterdrückt werden. Im Haus, so Nietzsche, regiert die Vernunft, aber im Keller «bellen die Hunde». Der österreichische Psychoanalytiker Sigmund Freud formuliert es ganz ähnlich, wenn er sagt, «dass das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus.»

Freud verweist genau wie Nietzsche auf die Dimension des Unbewussten, die von Zeit zu Zeit die Pläne des Wachbewusstseins durchkreuzt. So meldet sich das Unbewusste in Form von Versprechern, Träumen, Fehlleistungen, Burnouts, Depressionen und anderen psychischen Symptomen zu Wort, wenn das Bewusstsein, etwa aus Karrieregründen oder anderen Erwägungen, zu viele Wünsche, Instinkte und Bedürfnisse unterdrückt:

Alle, die edler sein wollen, als ihre Konstitution es ihnen gestattet, verfallen der Neurose.

Sigmund Freud (1856 bis 1939)

Das menschliche Bewusstsein ist zweifellos eine wichtige, aber eben auch eine sehr junge Errungenschaft der Evolution. Es lohnt sich daher bei aller rationaler Lebensplanung noch in Kontakt und Harmonie mit unseren archaischen Wünschen und Bedürfnissen zu bleiben.

 

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