Einige sehr wirksame und sichere Übungen aus der Ego-State-Therapie (bzw. der hypnosystemischen Anteile-Arbeit), die du direkt im Alltag anwenden kannst.
Wichtig vorab: Diese Selbsthilfe-Übungen dienen der Selbstreflexion, Neu-Sortierung und Beruhigung bei leichten inneren Konflikten oder Stress. Sie ersetzen keine Therapie bei tiefen Traumata, sind aber ideal, um ein besseres Gespür für das eigene Innenleben zu bekommen.
1. Die „Konferenz des inneren Teams“ (Strukturierung)
Wenn du vor einer Entscheidung stehst oder spürst, dass zwei Seiten in dir gegeneinander kämpfen (z. B. „Ich muss das Projekt perfekt fertigstellen!“ vs. „Ich bin völlig erschöpft und will einfach nur liegen bleiben!“).
1.Platz nehmen & Atmen:Stelle dir einen runden Tisch vor.
Setze dich entspannt hin, schließe die Augen und stelle dir einen großen, ruhigen Raum vor. In der Mitte steht ein runder Konferenztisch. Du selbst sitzt als die „Führungskraft“ (dein adultes, gesundes Alltags-Ich) an diesem Tisch.
2.Die Anteile einladen:Gib jedem Impuls einen Stuhl.
Lade die beteiligten Stimmen/Gefühle ein, sich an den Tisch zu setzen.
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Auf Stuhl 1 setzt sich z. B. der „Leistungsträger“ (der Druck macht).
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Auf Stuhl 2 setzt sich der „Erschöpfte Anteil“ (der nicht mehr kann).
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Gibt es noch jemanden? Vielleicht einen „Angst-Anteil“, der fürchtet, etwas falsch zu machen?
3.Nacheinander anhören:Ohne Bewertung oder Streit.
Lass jeden Anteil reihum kurz sagen, was sein Anliegen ist. Deine Rolle als Führungskraft ist es, zuzuhören, ohne sofort zu urteilen.
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Antreiber: „Wenn wir jetzt aufhören, schaffen wir die Frist nicht!“
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Erschöpfter Anteil: „Ich halte den Druck körperlich nicht mehr aus.“
4.Bedürfnisse & Absichten erkennen:Die positive Absicht hinter dem Verhalten finden.
Frage jeden Anteil: „Was ist dein eigentliches Ziel für mich?“
Oft wirst du feststellen: Auch der Antreiber will dich nur vor Misserfolg beschützen. Beide Anteile wollen eigentlich etwas Gutes für dich – nur mit unterschiedlichen Mitteln.
5.Kompromiss aushandeln:Verantwortung als Führungskraft übernehmen.
Als Führungskraft triffst du nun die Entscheidung und vermittelst: „Ich höre euch beide. Wir machen jetzt noch 30 Minuten die wichtigsten Punkte fertig, und ab 18:00 Uhr ist heute absolut feierabend.“
2. Das S.O.S.-Prinzip: Stopp – Orientieren – Sortieren
Wenn dich ein plötzlicher Gefühlsausbruch (Wut, Scham, Überforderung) überschwemmt, steckt meist ein jüngerer, getriggerter Anteil dahinter.
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Stopp: Halte kurz inne und spüre deinen Atem oder deine Füße fest auf dem Boden.
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Satz vervollständigen: Sage dir leise im Geist:
„Ein Teil von mir spürt gerade riesige Angst/Wut, aber ich bin nicht nur diese Angst.“
(Durch das Wörtchen „Ein Teil von mir“ schaffst du sofort Distanz und Identifikationsauflösung).
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Frage nach dem Alter: Frage dich kurz: „Wie alt fühlt sich dieses Gefühl gerade an?“ Oft merkst du, dass sich die Überforderung eher wie 6 oder 12 Jahre anfühlt als wie dein tatsächliches Alter.
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Erwachsenen-Ich aktivieren: Erinnere dich daran: „Ich bin heute [dein Alter] Jahre alt. Ich habe die Kontrolle und kann für diesen kleinen Teil in mir sorgen.“
3. Der innere Tresor (Für den Feierabend)
Wenn du gedanklich nicht aus dem Arbeitsmodus herauskommst oder kreisende Sorgen dich abends nicht schlafen lassen.
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Vorstellung: Stelle dir einen massiven, stabilen Tresor vor (oder eine Holztruhe, einen Container etc.).
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Verstauen: Gib den besorgten oder überforderten Anteilen die Erlaubnis, ihre Themen für heute Abend in diesen Tresor zu legen.
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Versprechen: Versichere den Anteilen: „Die Themen sind hier absolut sicher verpackt. Ich vergesse euch nicht. Morgen um 09:00 Uhr schaue ich mir das wieder an.“
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Schließen: Schließe den Tresor mental ab und wende dich ganz deinem Feierabend zu.
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Der innere Kritiker ist einer der häufigsten und zugleich hartnäckigsten Ego-States, mit denen in der Psychotherapie gearbeitet wird. Er äußert sich durch Sätze wie „Das schaffst du ohnehin nicht“, „Du bist nicht gut genug“ oder „Reiß dich endlich zusammen!“.
In vielen klassischen Ansätzen versucht man, den inneren Kritiker zu bekämpfen oder stumm zu schalten. Die Ego-State-Therapie wählt einen völlig anderen Weg: Sie betrachtet den Kritiker nicht als Feind, sondern als einen oft völlig überforderten Schutzanteil, der mit extremen Mitteln versucht, Schmerz zu verhindern.
Das Grundprinzip: Vom Gegenspieler zum Verbündeten
In der Ego-State-Therapie basiert die Arbeit mit dem inneren Kritiker auf vier zentralen Schritten:
Schritt 1: Defusion (Vom „Ich bin schlecht“ zu „Ein Teil in mir kritisiert“)
Solange du mit dem Kritiker verschmolzen bist, glaubst du seinen Worten unhinterfragt. Der erste Schritt besteht darin, Distanz zu schaffen:
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Sprachliche Trennung: Verändere die Formulierung. Statt „Ich bin unzulänglich“ sagst du: „Ein Teil in mir kritisiert mich gerade sehr scharf.“
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Visualisierung: Gib dem Kritiker eine Gestalt (z. B. eine strenge Lehrerin, ein schattiges Wesen, ein kleiner koboldartiger Anteil). Sobald er ein Gegenüber wird, verliert er seine absolute Macht.
Schritt 2: Die positive Absicht aufdecken (Würdigung)
Kein Ego-State entsteht ohne Grund. Der Kritiker hat sich meist in der Kindheit gebildet, um dich vor noch größerem Schaden zu bewahren.
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Die Kernfrage: Der Therapeut (oder du in der Selbstreflexion) fragt den Kritiker direkt:
„Wovor versuchst du mich zu beschützen, wenn du mich so hart kritisierst?“
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Typische Antworten des Kritikers:
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„Ich mache dich fertig, damit du dich mehr anstrengst – bevor es andere tun und dich auslachen.“
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„Ich halte dich klein, damit du kein Risiko eingehst und verstoßen wirst.“
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Wertschätzung zeigen: Das Erwachsenen-Ich dankt dem Kritiker für seine bisherige Absicht: „Ich verstehe jetzt, dass du mich früher vor Ablehnung schützen wolltest. Danke, dass du so hart gearbeitet hast.“ Das nimmt dem Kritiker oft die erste Wut und Abwehr.
Schritt 3: Den beschützten Anteil lokalisieren und versorgen
Hinter fast jedem lautstarken Kritiker verbirgt sich ein sehr leiser, verletzter Anteil (oft ein inneres Kind), den der Kritiker um jeden Preis abschirmen will.
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Die Verbindung erkennen: Der Kritiker macht dir Druck, weil darunter ein kleines Kind sitzt, das riesige Angst vor Versagen oder Zurückweisung hat.
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Entlastung annehmen: Dein gesundes Erwachsenen-Ich übernimmt nun die Verantwortung für diesen verletzten Anteil. Du signalisierst dem Kritiker: „Ich bin heute erwachsen. Ich kann mich selbst um die Angst dieses Kindes kümmern. Du musst diesen Job nicht mehr alleine machen.“
Schritt 4: Dem Kritiker eine neue Rolle geben (Umqualifizierung)
Ein Ego-State kann nicht einfach gelöscht werden, aber seine Energie kann umgeleitet werden. Da der Kritiker meist sehr aufmerksam, wachsam und energisch ist, eignet er sich hervorragend für neue, konstruktive Aufgaben.
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Vom Vernichter zum Berater: Du handelst mit dem Kritiker einen neuen Arbeitsvertrag aus.
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Alt: „Du bist unfähig und machst alles falsch!“ (Destruktive Herabwürdigung)
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Neu (als innerer Coach/Analyst): „Pass auf, hier bei Präsentationsfolie 3 ist noch ein logischer Fehler, den sollten wir korrigieren.“ (Konstruktive Qualitätskontrolle)
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Grenzen setzen: Wenn der Kritiker in alte Muster verfällt und beleidigend wird, greift das Erwachsenen-Ich ein: „Stop! Hinweise zu Fehlern sind willkommen, aber Beschimpfungen akzeptiere ich nicht mehr.“
Zusammenfassender Leitfaden für den Alltag
Wenn der innere Kritiker das nächste Mal anklopft, wende diese kurze 4-Fragen-Sequenz an:
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Wahrnehmen: „Ah, da ist wieder mein innerer Kritiker.“
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Anhalten: „Wie alt und wie groß fühlt sich diese Stimme gerade an?“
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Erkunden: „Vor welchem Schmerz oder Fehler willst du mich gerade beschützen?“
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Führen: „Danke für die Warnung. Ich übernehme ab hier als Erwachsener die Verantwortung.“
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Eine Sitzung in der Ego-State-Therapie ist sehr strukturiert, verläuft aber dynamisch und richtet sich danach, welcher Anteil gerade im Vordergrund steht oder Aufmerksamkeit benötigt. Im Gegensatz zu reinen Gesprächstherapien wird hier direkt mit den einzelnen Ich-Zuständen gesprochen, nicht nur über sie.
Um den Verstand (den logischen Alltags-Ego-State) etwas in den Hintergrund treten zu lassen und direkten Zugang zu den tiefere Schichten zu bekommen, leitet der Therapeut eine leichte Fokusübung oder Hypnose ein:
Das ist das eigentliche Herzstück der Sitzung. Der Therapeut tritt nun in ein direktes Gespräch mit dem aufgetauchten Ego-State. Das kann auf zwei Wegen geschehen:
Hat man einen verletzten oder überforderten Anteil lokalisiert, folgt die therapeutische Veränderungsarbeit: