Thich Nhat Hanh Buddhist sagt: Nirvana ist die Abwesenheit aller Vorstellungen. Leiden erwächst aus Vorstellungen. Sobald du alle dualistischen Vorstellungen beseitigt hast, hast du Frieden und Freiheit, du bist frei.
In der Bibel steht: Eva und Adam assen Äpfel vom Baum der Erkenntnis und wurden aus dem Paradis / Garten Eden gewiesen.
Paradis und Nirvana sind also das Gleiche?
Nicht ganz – aber es gibt eine interessante strukturelle Ähnlichkeit zwischen den beiden Bildern.
Bei Thích Nhất Hạnh ist mit „Vorstellungen“ (im buddhistischen Sinn etwa concepts, views) nicht einfach jedes Denken gemeint. Gemeint sind Vorstellungen, an denen wir eine feste dualistische Wirklichkeit festmachen: Ich und die anderen, gut und schlecht, Gewinn und Verlust, Sein und Nichtsein usw. Leiden entsteht unter anderem dadurch, dass wir diese Unterscheidungen für eine letztgültige Realität halten. Nirvana wird entsprechend als das Erlöschen von Anhaftung und der Verblendung beschrieben – nicht als ein Ort.
Die biblische Geschichte funktioniert etwas anders:
- Paradies (Eden) ist zunächst ein Ort bzw. ein Zustand der Gemeinschaft mit Gott.
- Der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ steht für eine besondere Form von Erkenntnis bzw. die Überschreitung einer von Gott gesetzten Grenze.
- Nach dem Essen der Frucht erkennen Adam und Eva ihre Nacktheit, schämen sich und verstecken sich vor Gott. Danach werden sie aus dem Garten vertrieben.
- Die Geschichte erklärt damit unter anderem, wie Entfremdung, Scham, Mühsal und Sterblichkeit in die menschliche Existenz kommen.
Man könnte deshalb eine philosophische Parallele ziehen: Vor der begrifflichen/dualistischen Trennung → unmittelbare Einheit bzw. Frieden.
Nach der Trennung → Ich und Welt, Subjekt und Objekt, Gut und Böse → Leiden bzw. Entfremdung. In diesem sehr allgemeinen Sinn erinnert Evas und Adams Geschichte tatsächlich an buddhistische Gedanken.
Aber Paradies und Nirvana sind theologisch nicht dasselbe. Der entscheidende Unterschied ist: Im Christentum wird das Paradies nicht dadurch wiedergewonnen, dass man alle Vorstellungen beseitigt. Die Beziehung zu Gott steht im Zentrum. Im Buddhismus gibt es dagegen keinen Schöpfergott, dessen ursprüngliche Gemeinschaft der Mensch wiederherstellen müsste; Nirvana bezeichnet die Befreiung von Gier, Hass und Verblendung.
Interessant wird es allerdings bei einem tieferen Vergleich:
„Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ → Entstehung einer bestimmten Art von dualistischer Unterscheidung.
„Nirvana ist die Abwesenheit aller Vorstellungen“ → Befreiung von der Anhaftung an solche Unterscheidungen.
Das ist also eine fruchtbare interreligiöse Lesart, aber keine Gleichsetzung der beiden Lehren.
Und noch etwas: Die Aussage „Nirvana ist die Abwesenheit aller Vorstellungen“ sollte man bei Thích Nhất Hạnh nicht so verstehen, dass ein erleuchteter Mensch überhaupt nichts mehr wahrnimmt oder denkt. Es geht eher darum, nicht mehr von unseren Vorstellungen gefangen zu sein. Das ist ein wichtiger Unterschied.
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Gibt es andere Religionen die ähnliche Aussagen beinhalten?
Ja, das Motiv taucht in vielen Traditionen auf, meist mit Unterschieden im Detail:
Islam (Sufismus): Der Koran erzählt von Adam und Hawwa, die vom verbotenen Baum essen und das Paradies verlassen müssen (Sure 2 und 7). Dort geht es aber eher um Ungehorsam als um Erkenntnis. Näher an Thich Nhat Hanh sind die Sufis wie Rumi oder Ibn Arabi: Das Leiden entsteht durch die Trennung vom Göttlichen und durch das Ego (*nafs*). Der Weg ist *fana*, das Verlöschen des Ich, bis keine Trennung mehr bleibt.
Hinduismus (Advaita Vedanta): Am ähnlichsten zum Buddhismus. *Maya* und *Avidya* (Unwissenheit) lassen uns die Welt als getrennte Dinge sehen, und daraus entsteht Leiden. Befreiung (*Moksha*) bedeutet, die Dualität zu durchschauen: Atman und Brahman sind eins.
Daoismus: Das Daodejing beginnt damit, dass das Dao, das man benennen kann, nicht das ewige Dao ist. Sobald wir in gut und schlecht, schön und hässlich einteilen, verlieren wir die Ursprünglichkeit.
Zen-Buddhismus: Ein Text aus der Zen-Tradition sagt, der Große Weg sei nur für die schwer, die Vorlieben und Abneigungen haben.
Christliche Mystik: Meister Eckhart sprach von der "Gelassenheit", dem Loslassen aller Bilder und Vorstellungen von Gott. Die "Wolke des Nichtwissens" und die negative Theologie gehen in dieselbe Richtung.
Kabbala und Gnosis: In manchen Deutungen bedeutet "Gut und Böse erkennen" den Eintritt in die dualistische Wahrnehmung. Andere gnostische Strömungen lesen die Geschichte sogar umgekehrt, als Erwachen.
Die Deutung des Sündenfalls als "Fall in die Dualität" ist eine mystische und moderne Lesart (etwa bei Richard Rohr). Die klassische kirchliche Auslegung sieht darin vor allem Ungehorsam. Das Motiv ist also verwandt, aber nicht überall identisch.